back – forwards

Backraum – 19. Okt. 2007

Carl Friedrich Schröer

heute früh schlug ich in Vorbereitung meiner Eröffnungsrede die Zeitung auf: "Cécilia und Nicolas Sarkosy wollen sich scheiden lassen.". "Putin kündigt neue Atomwaffen an". - So lauteten die (schrecklichen) Nachrichten. Die von gestern.

Wie schnell ist gestern? Wie schnell ist morgen! Wieviel Zeit bleibt überhaupt noch – für heute?

back – forwards – klingt nach Kasettenrekorder, oder Filmprojektor, oder Filmschnittpult: vorwärts-rückwärts, rückwärts-vorwärts, rückwärts..... Jetzt aber mal stopp!

Kunst am laufenden Band. Schon wieder ein neuer Kunst-back-raum...Schon die bunte Einladungskarte verheißt Nichts Gutes: Jeder Künstler, jedes Kunstwerk am laufenden Meter erhält da exakt 5 Zentimeter: Andreas Bee, Ruprecht Dreher, Jan Kolata, Wolfgang Schäfer – "4 Positionen bildender Kunst - mit einer Einführung von Carl Friedrich Schröer. Ab 22.00 Uhr Frank Bauer als DJ."

Da wären wir also. Da stehe ich nun:

Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren!

Um mit Ruprecht Dreher zu beginnen, dem dienstältesten der hier versammelten "Positionen". Der einzige hier, der es geschafft hat sich, vom Acker zu machen. Weg von Düsseldorf über eine weite, weite  Reise mit VW-Bus und Freundin quer durch die USA, durch Mittelamerika, runter nach Argentinien bis zu den Pinguinen am Südpol. Abends saß man in kleiner Runde unter Einheimischen in Guatemala. Dreher zeichnete ein Portrait von einem der Anwesenden. Das Bild ging reihum im Kreis, wurde befingert und bestaunt ....kommt endlich zurück zu dem Mann. Der zerknüllt es kurzerhand und wirft es achtlos weg. Die Zeichnung hat ihren kurzen Auftritt schon gehabt - und weg damit. Für Drehern wird die Szene zum Schlüsselerlebnis. Er beschließt die Kunst aufzugeben, um Medizin zu studieren. Rückflug nach Berlin. Dreher wird Arzt. Absolviert alle Prüfungen, erhält die Approbation – und erkennt zu seinem und seiner Umgebung Schrecken: ihm fehlt jeglicher Heilungswille. Krankheit ist ein komplexer Zustand, erfährt er. Jede Leidensgeschichte ist höchst persönlich, sonderlich und verdreht. Also warum und wie da eingreifen? Dreher wendet sich wieder der Malerei zu.

Gestern Nachmittag in meinem Büro im Eiskellerberg 1 blickt er aus dem Fenster auf die Kunstakademie und erinnert sich: "Da haben wir damals die Sprayaktion am Portal gemacht: "Die Kunst gehört dem Volk". Die VSK –Vereinigung Sozialistischer Kulturschaffender– war zur Tat geschritten. Eine eher maoistische Gruppe, die auch die "Rote Fahne" vor der Akademie und dem gegenüberliegendem Arbeitsamt verteilte mit Jörg Immendorff, Felix Droese, Irina König und Hennig Brandes. Dreher erinnert sich. Joseph Beuys, der kam da täglich mit seinem silbergrauen Bentley vorgefahren und entstieg dem Fahrzeug in seinem Kanninchenfellmantel. Oder war es Silberfuchs? Dreher hat sie voll miterlebt die "Wilden Jahre". Er war in der Beuysklasse. Viel zu sehr anarchistischer Außenseiter, um den politischen Trubel lange mitzumachen. Kaum in der Beuys-Klasse angekommen, da wurde dem Professor vom Wissenschaftsminister Rau die Lehrerlaubnis entzogen. Das war 1972. Dreher blieb bis `78 bei Beuys in Düsseldorf, der kam auch, Lehrerlaubnis hin, Lehrerlaubnis her, fast täglich in seine Klasse, dem nachmals berühmten Raum mit der Fettecke.

Als Dreher Mitte der achtziger Jahre das Malen in Berlin wieder aufnahm, war groß die Neue Figuration angesagt: Moritzboys und Immendorff und Kippenberger, Oehlenbrüder und Elvira Bach. Dreher war wieder auf Gegenkurs: Die Farbe selbst führte er ins Feld, die Farbe als Objekt – und wollte damit weit hinaus zu einer abstrakten, bewegten, bunten Malerei, zur größtmöglichen künstlerischen Freiheit.  Und er begann das ganz grundsätzlich: Wie kommt die Farbe aufs Bild? Was macht die Farbe mit dem Bildträger. Er fand "anoyme Bildträger" nicht die aus dem Katalog von Boesner, sondern auf dem Sperrmüll: Stuhlreste, Schubladen, Sperrholz...und mischte die Farben mit Wasser, Tusche, Beizen, Sand, Asche... Die Farbe wiederum wurde nicht einfach mit dem Pinsel (aus dem Boesnerkatalog) auf den Träger aufgetrgen. Viel zu unanarchisch, zu unbeuysch – Sie wurde geschüttet, getropft, er ließ sie rinnen und laufen. Bildschicht um Bildschicht. Farbige Bild-Objekte von bezwingender Intensität entstehen. Eine andere Freiheit suchend. Sich von allen Zumutungen und Aufträgen, alles äußeren Festlegungen und Bestimmungen, und vor allen den Funktionalisierungen entziehend. Auf Abstand gehen zu allen Geschichten und aller Bilderzählung. Das malerische Experiment bedeutet für ihn einen höchsten Ausdruck an Freiheit. Das Bild soll das An-Sich-Sein verkörpern. Und damit entsteht ein neue Schönheit, rästelhaft und farbig. "Ich gehe es optimistisch an", sagt Ruprecht Dreher und freut sich: "Abstrakte Malerei hat eine Zukunft!"

Wie glücklich, daß hier Jan Kolata eingeladen wurde auszustellen! Wie glücklich zum Vergleich für Sie – und für mich als Überleitung. Der große abstrakte Malstrom, souverän und mächtig strukturiert er den Bildraum, beherrscht ihn mit starken, luciden Farben, schafft unendliche Weite und Tiefe. Zauberhaft verlaufen die Farben, überlagern sich wie hauchdünne Gläser, wie Gewebe und Gespinste,  mischen sich zu delikaten Farbkorpuskeln und Farbspektren. Alles fließt, alles scheint in Bewegung – kein Gestern, kein Heute, kein Morgen. Auch Kolata, in Düsseldorf ansässig, in Dortmund selbst Malereiprofessor, malt nicht mit dem Pinsel, auch eher schüttet die Farbe, läßt sie fließend sich entwickeln. Aber irre ich mich? Ist die große Malereiwelt, die uns Kolata vorstellt nicht ganz so optimistisch? –

Die vertikalen und die horizontalen Farbschleier schaffen einen scheir unendlichen Bildraum. Aber sie lassen ihn auch undurchdringlich erscheinen. So attraktiv die Riesentableaus auch sind, es ist doch eine ferne, eine  Andere Welt, die sich da souverän vor uns auftut und behauptet. Und immer wieder tritt ein Schwarz hinzu, das die Heiterkeit stört. Ein Grundton der Skepsis, ein anderes Memento Mori etwa?

Und was halten Sie von Andreas Bee? Auch eher schwergeprägtes  Mitglied der Düsseldorfer Akademiegesellschft. Von 1980 bis 1988 studierte er an den Kunstakademieen Münster und Düsseldorf, wo er heute eine Lehrtätigkeit für besondere Aufgaben übernommen hat.

In beiden Ausstellungsräumen sehen wir je ein monumentales Hängeteil. Riesig und fragil zugleich. Monumental und federleicht, plastisch und unfasslich. Ins Gigantische gesteigerte Urformen der Natur und magic flying objects. Jede Menge Bezeichnungen und Begriffe strömen ein und jede greift doch irgendwie in Leere: Spacemodells für die windgetriebene Zukunft, Flugkörper für die übernächste Marslandung, panamarenkeske Pionierflughilfsgestelle oder Riesenkäfig für den Zuvielredner? ...

Bees plastische Raumkörper entziehen sich nicht nur jeder sprachlichen Fassung und Einordnung. Sie schweben immer schon gut einen halben Meter über dem Boden der Tatsachen. Sind kurz vor der Landung oder schon wieder gestartet zu nächsten Lustflügen. Die handwerkliche Könnerschaft und Delikatesse der Bee´schen Werkstatt steht hier in einem reizvollen Kontrast zu ihrer Funktions- und inhaltlichen Schwerelosigkeit. Zum Abheben. Beide, Bee wie Kolata haben die Düsseldorfer Kunstakademie absolviert. Beide sind nach dem Studium in Düsseldorf geblieben. Weil sie dort geeignete Atelierräume zur Verfügung standen. Beide haben sich im schon berühmten Atelierhaus Höherweg getroffen, wo sie heute ihre Ateliers unterhalten.

Position 4: Wolfgang Schäfer.

Der unentwegte Erzbeweger. Ex-Medienmafia zusammen mit Achim Duchow, Jo Brockerhoff, mit Norbert Faehling, Mischa Kuball, Helmut Steinhauser und Bernd Engberding. Ex Ateliergemeinschaft und Kunstraum Rondsdorfer Straße 77a unter Leitung der zauberhaften Eva Bracke. Wer da nicht alles ausstellte: Georg Polke, Gibbs, Jo Schultheis. (alle Künstler der Galerei Erhard Klein).

Künstler und Ausstellungsinitiator. Wer kennt die Düsseldorfer Haupt- und Nebenwege, Hinterhöfe und Schlupflöcher, die immer noch nicht nach Berlin oder London abgewanderte Szene dieser Kunststadt besser als – Wolfgang Schäfer. Schäfer kennt ihre Innenansichten. Achim Duchow ist kurz vor der Ausstellung "fremd und anders" an Blasenkrebs verstorben. Erst lag er im Krankenhaus in Golzheim, zuletzt wurde er nach Hause verlagert, Ronsdorferstraße 77a, 2. Etage. Duchow starb kurz vor Schäfers 38. Geburtstag. "Feiern wir, oder feiern wir nicht?" - "Ja klar doch! - Achim hätte doch auch gern...."Vier Wochen waren die Beiden durch Thailand, dann Japan unterwegs. Das war 1986. Schäfer machte damals viel Performance zu exstatischer Musik und Lichtprojektionen und malte, unter Drogen und Alkohol ziemlich exzessiv. "Mir ging es um die Einheit von Malerei und Dasein." Das ganze normale Denken und Dasein wollte er hinter sich lassen, um zu dem entscheidenden malerischen Akt zu gelangen. Das wurde aber ziemlich anstrengend.

Schäfer trennte sich von Freunden und Freundinnen, trennte sich von Alkohol und Drogen und bekehrte sich zum Glauben an Gott. Aber mit der Kunst machte er unverdrossen weiter und konnte / wurde so zu einem wichtigen Vermittler zwischen seiner und den jüngeren Gegenrationen, werden. die von den Wilden Jahren kaum mehr einen Schimmer hatten. "Einer muß ja wenigstens weitermachen", erklärt er und hat wieder neu angefangen:

Hier im neuen backraum stellt er Bilder aus seiner exstatischen Zeit aus. Wilde, gestische, figurative Malerei auf Pappe aus dem Jahr 1983! Neu gerahmt und zur erneuten Betrachtung und Überprüfung freigegeben. Und er stellt sie zusammen mit Künstlern aus, die ihre neuen, abstrakten Arbeiten von heute zeigen. Schäfer schätzt das volle Risiko immer noch. 

Ein Anfang. back-forwards. Ein neuer Ausstellungsraum auf dem KONSUM-Gelände wird eröffnet.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft darf ein kleines, glückliches Inselchen vermutet werden: die Gegenwart. Hat es einen schöneren Treffpunkt je gegeben!

                                        C. F. Schröer - Düsseldorf Okt. 2007

back