"hard on reality"

 

15 Künstler stellen aus unter dem Titel

"hart an der Realität"


Auf Einladung von Wolfgang Schäfer zeigen 15 Künstler ihr Schaffen. "hart an der Realität" vermittelt eine Reihe von künstlerischen Positionen, die sich dem Ort, der Herkunft und Befindlichkeit des Menschen verschrieben haben.


- hart an der Realität -


Im Rahmen des MADE IN FLINGERN-Events in der alten Geburtsklinik an der Flurstrasse in Düsseldorf hat Wolfgang Schäfer - wie schon in vergangenen Ausstellungen wie GLEICHER ORT NEUE ZEIT, SCHWEBENDE WELT und abstrakt im raum, 2002 + 2004/5 im CON-SUM -Künstler mit unterschiedlicher Herkunft, Alter, Arbeitsweise und Thematikeingeladen. Auch hier, mit der Ausstellung "hart an der Realität" verbindet die 15 Teilnehmer das Interesse vor Ort, zu den Voraussetzungen des Hauses und der konzeptionellen Vorgabe, zu arbeiten und auszustellen.

Eine "Off-Location", diese bedeutende ehemalige Frauenklinik, bietet sich als Ort des Geschehnisses den Künstlern als ein breites Um-Feld der Reflexionen an, das die Grenzen zwischen Besonderem und Allgemeinem, zwischen Leben und Kunst transparent werden lässt. Die Raumsituation definiert sich in zweifacher Bedeutung: Einmal soll die bisherige Institution von der Privatwirtschaft in neuen Lebensraum verwandelt werden. Zu diesem Anlass sind die ortansässigen Mode- und Produktdesigner aufgefordert, sich zu präsentieren.

Die Künstler jedoch nutzen diese aktuellen und konkreten Umstände als Herausforderung, um die Kunst dem Alltag gegenüber fließend erscheinen zu lassen.
Im Hier und Jetzt des Ortes und des Events, provozieren sie oft mit ihren Beiträgen, mit denen die früheren Befindlichkeiten von Menschen an diesem Ort evoziiert werden und verleihen somit der Veranstaltung eine über dem Charme des Lokalen hinausreichende, universellere Bedeutung.
Viele Aspekte dieser Befindlichkeiten spiegeln die Begriffe "Leben", "Tod", "Sehnsucht", "Glück", "Love","Home", "Sex & Sorrow", "Ego", "Beauty" oder "Schmerz" wieder, wie sie im Beitrag von Wolfgang Schäfer lesbar und sichtbar sind, womit er großzügig angelegte konzeptionelle Vorgaben zur Raumsituation und zur Ausstellungsthematik eingebracht hat.
An den Bildoberflächen der figurativen Darstellungen, denen sie zugeordnet sind, finden die einzelnen, gemalten Worte ihren Anfang und setzen sich über den Bildrand fort bzw. enden an den umgebenden Wänden. Platziert durch mehrere Räume der Klinik, markieren diese, die Reklamevokabular assoziierenden Arbeiten, sowohl die Konkretion des aktuellen Ortes und Betrachters, wie auch einen "roten Faden" durch die Ausstellung. Dabei geraten die einst strengen modernistischen Regeln wie "Purismus der Medien" oder die Trennung von "high and low culture" in eine experimentierfreudige Entgrenzung und führen ein Verständnis der "Kunst-im-Generell" herbei.

Jörg Kemp demonstriert zunehmend in seiner Tätigkeit als Musiker, Literat und Maler ab dem Jahre 2000 einen Neigung zum Gesamtkunstwerk, die er in Projekten wie "Die Entfernung der Zeit" vorstellte. Diesem Einsatz treu, reagiert er auf die Situation der hiesigen Ausstellung mit der Arbeit "v are". Das im Titel enthaltene "v" leitet sich im Sinne eines Wortspiels aus der "v"-Form des Grundrisses des Ausstellungsraumes ab. Diese Betonung des konkreten Ortes geht damit mehrdeutig mit der dem Künstler eigenen Auffassung der Zeit als "unveränderlichen Veränderung" einher: Die virtuell erzeugte Räumlichkeiten erscheinen verzerrt und defragmentiert als "Hintergründe" für die Projektionen der Namen der Personen, die mit´der Flurklinik in Verbindung (hier geborenen/entbundenen, etc") standen. Die "Schrift-Porträts" und die angewendete technische Methode befinden sichsomit in einem Hier-Dialog über "Jetzt und Damals". In einem erweiterten Kontext davon und in einer Bereitschaft für eine Auseinandersetzung mit der Gegebenheit sind die von Schäfer eingeladenen Künstler vor Ort tätig geworden.

Die Vielfalt der Bild-Text-Verhältnisse und eine andere Hinwendung der Betrachtungsweise der Zeit, zeichnet grundsätzlich Heinz Hausmanns Oeuvre aus. Indem er die Bilderflut des Alltags, das weitläufige Repertoire der Motive von Magazincover oder Werbeanzeigen als Vorlagen nimmt und sie mit den meist wohl bekannten Zitaten aus der Kunstgeschicht zusammen, gegenüber und nebeneinander in fast obsessiver Manier reiht, begibt er sich in die Rolle eines Analytikers der Beziehungen zwischen "Bilderwelten" und "Weltbildern", zwischen eigener gelebter Wirklichkeit und kollektiven Erinnerungen. Die Aktzeichnungen, die er in der Ausstellung zeigt, sind stellenweise mit pflasterartigen Collageelementen versehen.Ob sitzender weiblicher Akt mit Kinderseifenlogo und Teppichmuster, ein umschlungenes Paar mit Panzer oder Frankreichflagge; ein anderes Paar mit Zitat eines Mel Ramos Bildes von einem Pin-Up-Girl oder ein männlicher Akt mit griechischer Mäanderbordüre - die Motive sind wi assoziative Verweise zu Überlegungen zum Thema Zeit zu verstehen.
Auch wenn die Schönheit der gemalten von der Reklame und Illustrierten stammenden Texte, wie diese in dem Hausmann Buch "1966" dokumentiert sind, in den "Akten mit Pflaster" nicht im Vordergrund steht, kommentieren diese jedoch die gleiche Wechselwirkungen und Überschneidungen des täglichen Ablaufs der erlebten Geschichte und der´Weltgeschehnisse.

Die individuellen, biografischen Rückblicke im Zusammenhang mit der betrachteten und betrachtenden Umwelt, erscheinen in den Arbeiten von Hansa Wisskirchen wie eine Zusammenstellung von Wunsch und Erinnerung, von der jetzigen Sehnsucht nach Zukunft und nach dem Bevorstehenden in Paralellität zu der Nostalgie des Vergangenenzueinander. Der Dynamik der DJ-Szene, der er bekannterweise angehört, scheinen die Schnelligkeit der Werkmethoden wie Graffities oder der starken Fragmentierung der Collagen wie er sie einsetzt, zu entsprechen. Das historisch Bedeutsame und das alltäglich Banale der Text- oder Bildausschnitte unterschiedlicher Herkunft (egal ob Tages-, Kunst-, Pornozeitungen oder sonstigen Quellen entnommenen Text- und Abbildungsquellen) sind nicht als solche zu bewerten, sondern aufmerksam zu bemerken. Die esoterisch-erotisch-pop-gefärbte Mixturem der Motive verdichtet sich bruchweise in ein Ganzes auf der Ebene des Bildhaften, um die persönliche Existenz als momentane Hinterfragung der Widersprüchlichkeiten wiederzugeben. Begleitend zu seiner malerischen Tätigkeit sind darüber hinaus die sozial geprägten organisatorischen Aktivitäten von Wisskirchen zu erwähnen. Sowohl in Düsseldorf realisierte Ausstellungsevents "Salon Hansa", wie auch sein der Aidsthematik gewidmetes Projekt "Safer Sex", überzeugen von einem Bestreben, das Persönliche in das Umgebende zu positionieren.

Dies lässt sich in der Ausstellung "hart an der Realität" und in den Werken verschiedener hier beteiligter Künstler/Innen als eine sehr differenzierte Angelegenheit von Bild und Umfeld, von "social and pictorial field"-Affaire deuten. Im Werk der Künstlerin Claudia van Koolwijk besetzt die Visualisierung der Durchlässigkeit des Privaten gegenüber des Gesellschaftlichen eine zentrale Bedeutung. Das gesamte, dem Medium Fotografie einzuordnende Schaffen ist dennoch nicht nur eine Reihe der Augenblicke, nur eine Anzahl der blitzartigen Aufregungen, der Aufnahmen der Momente. Wie die rezente Ausstellung der Künstlerin im Museum Bochum zeigt, scheint das Bemerkenswerte bei Claudia van Koolwijks Arbeit genau das Gegenteil zu sein: Das Vergängliche trotzt manchmal mit einer unaufhörlichen Stille; das Anhaltende dagegen besitzt eine spannend stille Flüchtigkeit. Die Darstellungen der "Glücksmomente", die die Künstlerin (nebenbei gesagt, eine 7-fache Mutter und eine in der Flurstrassenklinik Geborene) in die Ausstellung einbringt, verhalten sich in diesem Sinne wie die Bejahung der Ernsthaftigkeit der Realität und die ernst angenommene visionäre Befragung derselben.Neben eigenen Familien- oder Freundes- und sonst wie des Bekanntenumfelds Angehörigen können, je nach Wahl des Anlasses auch biologische, mineralische und andere "Akteure" ins Interessensumfeld rücken. Das Zukünftige (wofür die manchen Sprachen in Afrika genauso wenig einen genauen verbalen Ausdruck haben, wie die Buddhisten eine Bestimmung des Jetzt kennen), bleibt jeweils in einem Spannnetz der Atmosphäre gefangen, die das Jetzige mehr vorausahnt als das Vergangne es erlaubt, dieses zu bestimmen. Nicht selten hat Claudia van Koolwijk ihr Interesse an kunstgeschichtlichen Inhalte gebunden und sie in Form von Papiercollagen absichtlich zum Hintergrund ihrer Fotografiewerke so nachgeahmt, dass sie eine komische und voyeuristische Note beinhalten, um auf das Dramatische der Lebensvorgänge hinzuweisen.

Die von Aristoteles bestimmte "Einheit der Handlung" als Grundstein des Dramas, gesellt sich zu der Einheit des Ortes und der Zeit, wie die spätere Theaterwissenschaft es erweitert hat. Demnach kann jede heutige Ausstellung als klassisch und gleichermaßen – anbetracht dieser Regeln als destruktiv bezeichnet werden. Bei der Entscheidung, ob dies komisch oder tragisch gelten soll, muss man die alten Wahrheiten überdenken und neu sich im Klaren werden, dass ein Mensch doch kein unbeschriebenes Blatt ist. Da dieser, der des Schriftstellers und Philosophen Albert Camus Aussage folgend,"weder mit Wahrheiten, noch mit Schönheiten, sondern mit anderen Menschen" lebt, stellt er viel eher so etwas dar, was Walter Benjamin auf dem Punkt brachte, als er sagte: "Ein Mensch ist ein Drama".

So spannt das Szenario der Bilder von Joe Brockerhoff den Bogen von Motiven,denen die Thematik des menschlichen Daseins - sei dies als Moral oder als Sexualität; als Obszönität der Menschenzüchtung oder als die 'Fetischisierung der Mutterschaft ausgewählt – grundlegend und extrem eigen sind. Der Dynamik des Airbrushes entsprechen die exzentrischen und surrealistischen Eindrücke, die diese Bilder hinterlassen. Die meisterhafte Manier der Wiedergabe und die ausgewählten Motive spiegeln sich bedacht ineinander wieder. In einer subversiven Weise bezieht Brockerhoff damit Stellung zum Ausstellungsanlass. Malweise und Thematik setzt gleichzeitig eine Dramaturgie des konzentrierten Blicks und einen spielerischen Umgang voraus, der mit einer Könnerschaft einhergeht und provoziert.

In dem Beitrag von Andreas Jung spielt Inszenierung eine große Rolle: Eine Reihe von Fotos einer "Patientin" in Dessous in der Krankenhausumgebung ist durch die Räume der Flurklinik verstreut. Wären da nicht die bedacht stilisierten Szenen, die die Werbung ziemlich eindeutig und ironisch evoziieren, käme uns die in einer Manier von Tele-Novela präsentierte Krankenhaussituation viel weniger komisch vor. "Mad Hospital", so der vielversprechende Titel, lässt keine Langeweile zu. Die entrückten Gesichtsausdrücke der "Patientin" überraschen und wecken Neugierde für die Ursachen solcher Zustände. Woran sie genau leidet weiss niemand, sie ist in geistiger Verwirrung, zwischen Traum und Realität, zwischen Leiden und Erlösung.
Jungs Interesse ist die Darstellung des Widerspruchs von Leiden und Schönheit. Nicht weniger überraschend und unerwartet sind die Szenen, die der Künstler in einer Videokabine ausstellt. Der Betrachter wird zu einer voyeuristischen Handlung veranlasst, indem er durch einen Türspion den Blick hinter die geschlossene Tür werfen kann. Die scheinbar geschmacklose Verbindung von Erotik mit einem Ort des Leidens erweitert Jung um die obsessive Begierde des Sehens.
Das bleibt auch hier nicht ohne eine spielerisch-humorvollen Note.

Bei der genaueren Beobachtung entpuppen sich weniger humorvoll und naiv die Kinderspiele, wie sie in dem Kurzfilm "Les Joueurs" von Petra Warrass zu beobachten sind. Die Künstlerin begleitete zwei französischen Jungen, Igor und Teli, die sich nach der Schule in den öffentlichen Parks von Paris treffen um zu spielen. Dass sie die Namen der Jungs kennt, zeugt von einer privaten Bezugnahme, die Warras künstlerisches Interesse beinhaltet. Eine andere Ebene als die der kindischen Spielereien kommt nämlich zur Deutung, wenn wir merken, dass die Spielzeuge dieser Kinder die Waffen sind und dass es sich ausschließlich um Kriegsnachahmungen handelt. Insoweit beinhaltet dieser Film auch einen ernsteren Hintergrund, der die Überlegungen der Künstlerin in einem gewissen soziologischen Kontext ortet.

Stark bedingt von soziologischen, ja politischen Konnotationen ist das künstlerische Engagement von Fenja Braster, obwohl auch hier die privaten Bezüge nicht zu übersehen sind.
In ihren Arbeiten gibt die Künstlerin ihre Erlebnisse der Frauen- oder Ethnikproblematik wieder, wie sie in entweder intimen oder städtischen Umgebungen zu finden sind. Genauso wie die von Braster herausgegebene "Black Beat"-Zeitung, die sie an das Layout von gleichnamigen afroamerikanischen Musikmagazin aus New York anlehnte, oder die mit von ihr in Düsseldorf 2002 organisierten "Filiale Afrika"-Ausstellung, zeugen ebenfalls die Foto und Videoarbeiten über einem kritischen Blick auf die nicht selten stereotypen Wahrnehmung des Asylantendaseins.
Ihre Beobachtungen der bestimmten gesellschaftlichen Strukturen bringt Braster in der Ausstellung im Form einer Heim-Inszenierung und verschärft bewusst den spannungsvollen Gegensatz nicht nur zwischen vertrauten Atmosphäre eines Heimes gegenüber spezifischen soziopolitischen Lebenswirklichkeiten, sondern auch dem Ausstellungsraum einer Frauenklinik gegenüber.

Auf die bestimmte Ausdrucksformen und Identitäten von Menschen im Kontext ihres Lifestyle oder Umgebung konzentriert sich auch Oliver Sieber in seinen meist seriell angelegten fotografischen Werken.
So stellte er in "SkinsModsTeds" über 50 Porträts von Personen "die ihre äußere Erscheinung mit den traditionellen Jugendkulturen der 50er und 60er Jahre identifizieren", aus. Zur Zeit sind diese in der Ausstellung "Cool Hunters" im ZKM, Karlsruhe, zu sehen. Die Gruppenzugehörigkeit ist in Kleidung lesbarem Stilcode zu entziffern. Auf andere Weise in der Bilderserie "Album" zu sehen, werden reportageartig aufgenommene Individuen künstlich in karge, die Museumsräume andeutende Umgebung, übertragen. In der Vereinzelung der Dargestellten und in der Betonung ihrer posenhaften Haltung gibt Sieber sein Interesse an dem Verhältnis von der Fotografie und Skulptur kund. Anlässlich der "hart an der Realität"-Ausstellung zeigt er vier verschiedene
Motive aus der Serie "Pommes frites".

Katja Stuke gibt in Zusammenarbeit mit Sieber das regelmäßig erscheinende Projekt in Magazinform "Frau Böhm" heraus und teilt auch sonst mit ihm das Interesse, das sich als Untersuchung des vielfältigen Verhältnisses von Mensch und Medienwelt beschreiben lässt. So nahm sie z.B. in für das Life-Fernsehbild typischen Perspektiven und Einstellungen am TV-Monitor die Portraits der Spitzensportler auf. Sie sind, so wie die Millionen Zuschauer sie wahrgenommen haben, in "besonders intimen Momenten hoher Anspannung" und Konzentration "verewigt". Abgelöst von dem Erscheinungscharakter des TV-Bildes und seinem Raster, in der Vergrößerung des Fotoabzuges werden die Porträts zu einem Dokument der Aufmerksamkeit, die die eigenartige, zwischen Medien angesiedelte Visualität zum Vorschein bringen. Solche Hinwendung bekünden nicht weniger die Videostills und Porträts im städtischen Umfeld, die die Künstlerin in der "CCTV"-Serie inhaltlich der universellen Größe der Passanten widmet.
Die Anonymität einer Bilderwelt, in der die Anmutung der Krimigeschichte lauert, wie sie Stuke in bewusstem Einsatz der Überwachungskamera dokumentiert, übersetzt sie in die Bildersprache jener besonderen, der Medien reflektierenden Ästhetik. Im Sinne dieser Hinwendung verschreibt sich die "News"-Bilderserie, in der die fragmentartig bearbeitete TV-Realität entspringende Szene ihrer Textbotschaft befreit und mit einem Titel (wie "Schwören") neu kommentiert wird.


Traum ähnlich bietet sich das Flüchtige der Augenblicke in denen Nina Fandlers die Großstadtszenen begegnet und wie sie diese in ihrer Malerei auffängt. Die großformatigen Bildöberflächen sind als der urbanen Umgebung entnommene Motive erkennbar und als Ausschnitte der Wirklichkeitnarrativ deutbar. Der malerische, durch Lichteffekte versehene und leicht verschwommene Bildraum unterstreicht nicht nur die wirkliche Eigenschaften des im Vorbeigehen Gesehenes, wie wir im „ersten und letzten Blick“ die Passanten in den Strassen und im Bus und U-Bahn, in Cafes oder auf den Rolltreppen antreffen. Der reale Raum und die vorübergehenden in der Umwelt und Alltag vorhandenen Momente sind durch die betonte Wiedergabe der Lichtreflexe in Bilder so eingebracht, dass sie selbst zur verunklärten, flirrenden Spiegelung des Wirklichen werden und somit der Bildraum zu einer der Malerei immanenten Mitteln verfügbaren Bühne verwandeln. Der Lichteinsatz bringt die Farbflecken als „kompositorische und dramaturgische“ Mittel ins Spiel, wobei sich das wirkliche Motiv in Abstraktion der Bildgefüge auflöst. Die starken Hell-Dunkel-Kontraste der Malweise erhöhen die Dynamik des Bildgeschehnisses in eine abstraktere Sphäre einer „Undeutlichkeit“ und versetzen die Dimension der Öffentlichkeitsszenen in die Stimmung des individuell Erlebten und lässt die anonyme Außenwelt mit der Innenwelt der persönlichen Wahrnehmung „kommunizieren“.

Das Geheimnisvolle einer „Begegnung dritter Art“ und eine bewusste Verundeutlichung des dargestellten Geschehnisses bezeichnet die Videoinstallation „Destina Virus“ des Künstlers Soulis Moustakidis. In der angedeuteten Umgebung einer Großstadtwohnung erblicken wir nicht den Schutzmantel eines Heims, sondern viel eher eine unheimliche Atmosphäre in der „das Entstehen und der Tod“ eines Unikums verfolgt wird.
Während die Kamera durch slowmotion dieses Unikum zu erfassen versucht, das in seiner Form in gleichem Maße unspektakulär wie dem science fiction verwandt erscheint, verleiht die begleitende Soundcollage, die von Soulis komponierte Musik, dem ganzen Film eine fast bedrohende, dennoch wohl durchdachte Spannung: Das Unbekannte und das Bekannte treffen wie Organik und Abstraktion aufeinander, ohne ihre Identität preiszugeben oder die Vermutung ihrer Herkunft aufzuklären.

Der traditionell als differenziert artikulierten und als Abstraktion titulierten Kunstrichtungen ordnet man üblicherweise die Werke von Künstlern Michael Burges und Thomas Schönauer zu. Mit Arbeiten, die sie beide in der Ausstellung „hart an der Realität“ zeigen, sind solche Charakteristika sowohl nachvollziehbar, als auch im erweiterten (Be-)Deutungsfeld anzusiedeln.

Michael Burges` Schaffen wird besonders durch seine Malerei anerkannt, die den abstrakt-expressiven malerischen Zugang - über die Eindeutigkeit dieser Bezeichnung hinaus – in den minuziös geordneten Malstrukturen auszeichnet und die in ihrer Entstehungsart eine gewisse obsessive Dimension erkenntlich macht. Die Verwischungen in der horizontal oder vertikal angelegten Mehrschichtigkeit des Bildaufbaus lassen die Bildmuster als landschaftlich anmutende Tiefenräume, energie- und vibrationsgeladenene Bildformationen erschließen.

Eine freiere, weiterhin expressive und dennoch im formellen Sinne strenger erscheinende Assoziation, ist den für die Ausstellung in der Frauenklinik gewählten Fotoarbeiten eigen. Die organische, inhaltlich deutlich mehr erotische Note vollzieht sich in den gezeigten fremdartigen „computergenerated images“, mit denen der Künstler das Medium der schwarz-weiss Fotografie einsetzt und seine Hinwendung zur virtuell erarbeiteten Thematik, die irgendwo zwischen Eros und Tanathos stattfindet, bekannt gibt. Zwischen freien Assoziationen und der formell eingesetzten Bildsprache findet hier ein Dialog statt, der die Möglichkeiten von beiden fortsetzt, anstatt die mediumsbedingten Begrenzungen zu demonstrieren.

Thomas Schönauer, bekannt ebenfalls als der abstrakten Formen zugewandter Bildhauer, veranschaulicht mit seinem Werk eine generelle Thematik, die das Verhältniss von „Stabilität-Instabilität“ als zentral behandelt.
Das Antropomorphe und der klassischen modernistischen Auffassung von Medienpurismus abzusetzende Eigenschaft seiner Stahlskulpturen ergibt sich nicht nur aus der Tatsache, dass diese die durch Berührung oder Luftströmung erfahrbaren Bewegungsmomente beinhalten.
Darüber hinaus erwecken Schönauers Skulpturen genau jenen Effekt, den die Kritiker und spätere Theoretiker in damaligen Werken der Minimal Art oft als Eindruck „as a person is left“ beschrieben haben,

Alles in allem: Die Ausstellung „hart an der Realität“ hat keine exakt bestimmte Thematik. Die Ein- und Ausblicke in die mannigfaltige Situation des Lebens bietend, vermittelt sie viel mehr eine Reihe der künstlerischen Positionen, die sich der Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst gegenüber den Sequenzen der Unbestimmbarkeit der „conditio humana“ im Allgemeinen überzeugend verschrieben haben.

Dr. Blazenka Perica

Die Ausstellung ist vom 30. April bis zum 11. Mai
täglich von 18 – 22.00 Uhr zu besichtigen.

Links zu den Künstler(inne)n:

katja stuke
www.ks68.de

oliver sieber
www.os66.de

petra warrass
www.petrawarrass.de

nina fandler
www.ninafandler.de

andreas jung
www.andreasjung.com

Joe Brockerhoff
www.brockerhoff.com

michael burges
www.michael-burges.de

thomas schönauer
www.macacos.de