PARADIES GESUCHT?

“Das Kind schaute immer noch in seine Richtung. Es war jedoch schwierig, genau anzugeben, ob es ihn beobachtet oder aber etwas anderes oder gar nichts bestimmtes, seine Augen schienen fast zu weit geöffnet, um einen isolierten Gegenstand wahrnehmen zu können, es sei denn, einen von sehrgroßer Außdehnung. Das Kind betrachtete sicher nur das Meer“
Alain Robbe-Grillet: Der Augenzeuge, München, 1957

Die Ausstellung “Paradies gesucht?”, in der Reihe der Ausstellungen, die Wolfgang Schäfer im Rahmen des CON-SUM-Kunstprogramms seit mehreren Jahren iniziiert, soll die Vorstellungen der eingeladenen Künstler über das Glück und dessen Folgen zum Vorschein bringen. Was wissen wir also über Paradies?

Vorstellungen vom Glück treten in Erscheinung.

Denkt man an Dante und seine „Göttliche Kömödie“, an Beatrice, die ihm in den 9. Himmel, zum „primum mobile“ am Ende des Spasses durch eben jenes Paradies führt, wo der lieber Gott wohnt, wird man in die Versuchung kommen, an das Glück zu denken. Das Glück hat aber
(mindestens) zwei Gesichter. Einmal hat man Glück und gewinnt z.B. im Lotto. Ein anderes Mal ist das Glück etwas, was beflügelt, ohne ersichtlichen Grund. Glückselig, heisst es dann. Das ist ein anderes Glück. Der Heilige Bernard spazierte laut Dante während seines irdischen Lebens durch das Paradies. Hatte Visionen. Die eingeladenen Künstler haben diese Visionen auch. Aber die Bilder, Fotos und Installationen von Fujio Akai, Joe Brockerhoff, Achim Duchow, Norbert Faehling, Esther Horn, Andreas Jung, Johei Kakuhata, Joerg Kemp, Beate Klompmaker, Claudia van Koolwijk, Soulis Moustakidis, Wolfgang Schäfer, Jo Schultheiss, Arnim Toelke, haben nicht viel gemeinsam mit den Paradies-Darstellungen, die wir sonst kennen. Im Prado-Museum, Madrid kann man die Orgien der ziemlich unerotischen Nacktheit von Hieronymus Bosch in seinem „Garten der Lüste“ bewundern.
Von Masaccio oder Michelangelo kennen wir eine andere Vision: in Florenz (Sta. Maria del Carmine, Cappelle Brancacci) oder im Vatikan (Sixtinische Kapelle) sehen wir ein leidendes
nacktes Paar, die den Ort des Glücks, weinend, wegen der Sünde verlassen muß.

Der Begriff „Paradies“ hiess nämlich nicht nur Paradies. Er existiert zwar nur im Singular, aus der persischen Sprache stammend - ist aber, unter anderem, eine Bezeichnung für den Garten Eden. Dort herrschte nicht nur Fröhlichkeit, das Lachen und Frömmigkeit. Er ist Ort der Sünde der ersten Sünde. Der Hirnforscher Singer erklärte, es gäbe im Hirn eine präfixirte Verschaltungen für ästhetische Kategorien, die allerdings stumm bleiben, wenn sie nicht durch Lernprozesse aktiviert werden. In einem geübten Kopf können alle Formen der Ästhetik und Kunst, je nachdem, worauf das Individuum spezialisiert ist, erregende Glücksmomente auslösen. Soll man es glauben? Die überlieferten Vorstellungen verwerfen?

Die alten Griechen haben ein geblümtes Dasein vom Paradies in Elysium geortet. Könnte immerhin auch der Himmel sein. Ein Ort der Seligkeit. Biblisch gesehen ist es ebenfalls ein Ort des Leidens. Da gab es eine Schlange, einen Apfel, Adam und Eva. Nachdem das Paar von dort aus wegen der Sünde vertrieben wurde, blieb dort nichts anderes als Schlange und den Apfel. Die wichtigsten Akteure fehlen, kehrten nie wieder zurück. Daher muß es als ein Ort der Abwesenheit, der Verluste angesehen werden. Viele Verluste drohen unserem Zeitalter ohnehin: „Verlust der Mitte“, „Verlust der Distanz“, „Verlust der Identität“, der Geschichte, des Körpers etc. Das Paradies ist aber nicht verschwunden. Es ist keine Leere, ein Nichts, eine Null-Punkt-Ästhetik. Die Abwesenheit ist – auch im Paradies – etwas, was nicht austauschbar, ersetzbar ist. Es ist und bleibt eine Einmaligkeit.
Wie die Werke der eingeladenen Künstler dieser Ausstellung.

Dr. Blazenka Perica, August 2005

Auszüge zum Thema Paradies,
Zitat:

Die vielfältigen Bilder des Paradieses, welche der Mensch in den Vorstellungen der Mythen und Religionen hervorgebracht hat, wird auch in Jemandem Bewunderung hervorrufen, der in den vergangenen oder noch bevorstehenden Dasein ohne Leiden und Schmerzen nichts als eine zwar verständliche, letzten Endes aber doch illusionäre Projektion mensch-licher Sehnsüchte sieht.
Nur ein ernsthaftes und drängendes Anliegen konnte so viele Philo-sophen und Theologen, und nicht zuletzt auch Dichter und Künstler, immer wieder zu Spekulationen darüber herausfordern, was der Mensch ursprünglich war und was er nach dem Ende seiner irdischen Existenz sein wird. Offensichtlich ging es dabei um nichts weniger als um den Sinn und das Ziel des menschlichen Daseins. Angesichts der Erfahrung eines oft leidvollen Lebens und der Gewissheit des Todes musste sich der Mensch unweigerlich die Frage stellen, ob seine Sehn-sucht nach Glück irgendwann einmal ihre Erfüllung finden könne.
.... Sie kann über Orte oder Zustände voll-kommenen Glücks nur in Bildern aus der bekannten gegenwärtigen Welt reden, die gegebenenfalls von allem befreit wird, was als Ein-schränkung und Übel erscheint. Dass dabei jede Aussage zwangsläufig in der Bilderwelt der jeweiligen Kultur verhaftet bleibt, zeigte sich deutlich in der Verschiedenartigkeit der Vorstellungen vom Goldenen Zeitalter und dem üppig bewässerten Garten Eden, von den ewigen Jagdgründen der Indianer und den Inseln der Seligen oder von Mohammeds Paradies und den verschiedenen Abteilungen im christlichen Himmel.
Es ist aber sicher kein Zufall, dass das Paradies (zu deutsch: der Gar-ten) in den Träumen der Menschen von einer glücklichen Vergangenheit oder einer glücklichen Zukunft seine bedeutsame Rolle als Bild
oder Metapher bis heute behalten hat. Anders als der Ackerbau, der meist mit Mühe und Schweiß assoziiert wird, erweckt ein Fleck Erde, der in einen blühenden Garten verwandelt wurde, Gefühle des Glücks.
Denn im Garten ahnt der Mensch mehr als in jeder natürlichen Land-schaft, daß Pflanzen und Bäume, Steine und Wasserläufe nicht nur auf vielfältige Weise zweckdienlich und nützlich sind, sondern zu einer Welt gehören, die durch ihre Schönheit über sich hinausweist. Sehr treffend brachte dies ein chinesischer Dichter zum Ausdruck: «Welches Vergnügen, in einem Garten zu spazieren! Ich mache einen Rund-gang im Unendlichen». oder schon im frühen Mittelalter, mit etwas anderen Worten, ein Sankt Gallener Mönch in einem Lobpreis auf die Gärten: «In ihrer Lieblichkeit offenbart sich das Göttliche».

Das Paradies, eine kleine Kulturgeschichte von Heinrich Krauss. 2004

links to the artists:

www.brockerhoff.com

www.estherhorn.de

www.andreasjung.com

www.klompmaker.de