Schwebende Welt

Ein bunter Ballon, der Treibstoff ein Gemisch aus Sehnsucht, Lust und Melancholie – so nimmt sich das Werk Wolfgang Schäfers aus, eine sinnliche Schau unterschiedlicher Schaffensphasen, die derzeit im ConSum zu besichtigen ist. Visionen von Schönheit, Utopie und Vergänglichkeit werden beschworen, schwebende Manifestationen individueller Obsessionen, Hoffnungen, Träume, zerbrechliche Illusionen. Die Welt hält sie nicht mehr bereit die Nischen für solche Gefühle. Was bleibt, ist die Auflösung von Positionen als fester Standpunkt.
Die Titel der vorgestellten Bilder fügen die Themen aus 15 Jahren leitmotivisch wie ein Mosaik zusammen:
Melancholy, Lost Paradise, Traurige Tropen, Nostalgia , Der Tod und das Mädchen...

Es sind helle Stimmen, die das Sehnsuchtsmotiv skandieren gegen den Chor, der die Schatten der Vergänglichkeit unüberhörbar
beschwört.

Was gibt es zu sehen?
Schäfer nutzt das serielle Prinzip zum obsessiven Abarbeiten von thematischen Zyklen, die die unterschiedlichen Schaffensphasen bündeln und charakterisieren:
Die Serie Melancholy mit Motiven aus Japan wie: Geisha, Rosen, Kirschblüten gemalt auf verbrannten Holzplatten, Lost Paradise, eine Serie, die Zitate ethnologischer Fotografie thematisch verarbeitet zu Bildern wie: Traurige Tropen, Der Speerwerfer, Der Wächter.
Nostalgia, ein Zyklus von Bildern zum Thema unerfüllter Leidenschaft mit der großen Homage an Maria Callas, der aber auch Arbeiten umfasst wie: Das Mädchen und der Tod und Goldfische, Koys, die in Asien als Glücksbringer fungieren.
Außerdem gibt es eine Serie erotischer Tuschezeichnungen "Die Lust wird Wunder", die in den aktuellen erotischen Popgemälden ihre Fortsetzung erfahren, und nicht zuletzt die frühen großformatigen Bilder, massive Manifestationen subjektiver Träume und pointierter Begierden.

Schäfers Arbeitsweise ist eine lässige Bewegung zwischen abstrakt dekorativer, figurativ expressiver und malerisch flächiger Gegenstandskomposition, gleichermaßen intuitiv und konzeptionell. Sind seine früheren Arbeiten kraftvoll spontane, auf Leinwand oder Holzgrund geschleuderte Ausdrucksgesten , so kennzeichnet seine abstrakten Bilder eine sensibel entwickelte, harmonisch schwebende Formensprache. So unterschiedlich die beiden Werkgruppen sich auch ausnehmen mögen, die farbliche Handschrift Schäfers verbindet sie zu einer Einheit, ebenso wie das im Entstehungszeitraum vermutlich noch un- oder vorbewusste Umkreisen eines Themas, dessen Entwicklung in der Schwebenden Welt vorläufig auf einem prägnanten Punkt gelandet ist.

Womit hat man es zu tun?
Schwebende Welt – so nennt Wolfgang Schäfer seine derzeitige Ausstellung, ein Begriff, der auf mehreren Bedeutungsebenen Zielsetzung und Entstehung dieses multimedialen Projekts umreißt. Ein Begriff auch, der den Punkt markiert, auf den seine künstlerische Entwicklung zugesteuert ist. Seine letzten Arbeiten greifen mit Bezug auf japanische Motive die frühe Darstellung erotischer Szenen auf.
Geishas, Repräsentanten der Schwebenden Welt, ein japanisches Saiteninstrument, das Zamizen, spielend, gehen tanzend, singend ihrer Unterhaltungstätigkeit nach. Sie gehören zu der Wasserwelt,
Mizu shobei, der Welt des Nachtlebens, der Bars und Bordelle, eine Sphäre, die als weltlicher Bereich viel von ihrer Romantik verloren hat. Schwebende Welt, ukio, bezeichnet in der japanischen Philosophie den ursprünglich metaphysischen Zustand einer fließenden Welt, in der Einheit und Wandel aller Existenz als zusammengehörig, aber der Vergängnis unterworfen gedacht wurden.
Der traurigen Realität der Vergänglichkeit setzte man in der Wasserwelt den sinnlichen Aspekt der physisch vitalen Bejahung des Weltlichen gegenüber.

Dieses duale System von Vergänglichkeit und Sinnlichkeit findet sich in den Bildern von Schäfer wieder: Die Callas, sinnlich schön, von Schwermut über die verblühende Schönheit infiziert, Mme. Butterfly, eine tragische Figur, die sich in der direkten Konfrontation zweier Kulturen aufreibt. Es ist ein fast barockes, aber säkularisiertes Lebensgefühl, was sich in den farblich satten Bildern Schäfers wiederspiegelt. Vanitas und carpe diem als gleichberechtigte Antinomien finden sich auch in den Pop Ikons, den Portraits von Freunden. Die komplexe Schichtung der räumlichen Ebenen entzieht die dargestellten Personen einer eindeutigen Lesbarkeit und belässt sie in einem ambivalenten Schwebezustand. In den poppig schönen, perfekt inszenierten Gesichtern schwingt ein dunkler Unterton mit, der sich aus dem nur scheinbar flächigen Untergrund an und auf die Oberflächen legt: Das Wissen um die labilen Gleichgewichtszustände, die Vergänglichkeit schwebender Welten und die kurze Dauer der Droge Glück.
Dessen Spuren sind in den Bildern von Wolfgang Schäfer bewahrt.
Christiane Dressler