APEX 1990

Wolfgang Schäfer
von Dr. Susanne Anna

Wolfgang Schäfer, dessen künstlerische Herkunft im Graphik-Design zu finden ist, negierte recht bald die linear exakten, geometrischen Gestaltungsformen zugunsten eines gestisch abstrakten Malduktus mit entweder lyrischem oder expressivem Charakter.
Durch sein Interesse an körperlichen Bewegungsformen gelangte Wolfgang Schäfer zur Malerei; er schaffte Diagramme aus Musik, Tanz und Farbe, kreierte seine ersten malerischen Arbeiten in einer Art rituellem Entstehungsprozeß aus Bodypainting und Ausdruckstanz. Seine durch ein späteres Tanzstudium bei Kazuo Ohno in Japan vom Butoh inspirierten Performances, dem Gestus seiner Bilder folgend bald expressiv, bald lyrisch, begleiten diese heute, nicht mehr jedoch am eigentlichen Entstehungsprozeß der Malerei beteiligt.
In seiner Performance „La beIle et Ia bete“ anläßlich der Eröffnung der Schau seiner neuen Bilder im Zollhof des Düsseldorfer Hafens im April dieses Jahres, die das gleichnamige Werk von Jean Cocteau frei interpretiert, gehen die sich heftig abwechselnden lyrischen und expressiven Sequenzen, die sowohl Häßliches und Grausames als auch das Gefühl der Liebe darstellen, unter die Haut; eins mit dem Moment und der Idee vermag Schäfer mit seiner Partnerin Claudia Monville gerade auch das elementare, fundamentale Verhältnis zwischen den Geschlechtern in seiner ganzen Natürlichkeit improvisatorisch zu dramatisieren und gleichzeitig im Betrachter eine Authentizität zu evozieren.
So natürlich und authentisch sind auch Wolfgang Schäfers Bilder der Ausstellung. Auf der Suche nach sich selbst, festen Standpunkten und Lebensinhalten beschreibt er seinen eigenen Lebensprozeß im Bild. Hierbei liegt seinen Arbeiten ein spirituelles Prinzip zu Grunde, welches den Maler selbst im Glauben an eine spirituelle Energie zum Medium werden läßt. In nahezu alchimistischer Vorgehensweise bringt Wolfgang Schäfer Farben auf die Leinwand; er schüttet und spritzt sie, wischt und spachtelt sie, wohl wissend um die physikalischen Phänomene auf der Leinwand. Schäfer lässt die Farben leben, sie ineinanderfließen, daß sie miteinander reagieren, sich zu neuen Tönen verbinden, um sich dann wieder zu trennen und die verschchiedensten Formen zu bilden. So glaubt man in der Arbeit "Ohne Titel" (1989) einen diagonal über das Bild gelegten Frosch in leuchtendem Ultramarin zu erkennen, dessen Form rein zufälligen Charakter hat.
Unter ihm öffnet sich die Welt, das für Schäfer so wichtige leben, ein wolkiges Hellblau, tiefes Nachtschwarz, ein verwischtes Rot, im oberen Bereich ein Weiß, daß Untiefen vermuten läBt. "Leben" bedeutet für Wolfgang Schäfer den Dialog der Extrema zwischen Liebe und Leid, Leidenschaften und Langeweile. Eruptionen sind für ihn eine Form der Leidenschaften, eine immer wieder gelebte Erfahrung. In seiner Arbeit "Eruption" (1990) setzt der Maler sein Gelebtes sowohl auf der spirituellen als auch auf der irdischen Ebene um. Der Betrachter möchte in diesem sinnlichen, stark bewegten lnferno aus hervorleuchtendem heißen Rot, Gold, das von der unteren Mitte versprüht wird, und kühlem Wasserblau überlagert von erschreckendem Tiefschwarz versinken, fühlt jedoch gleichzeitig auch die starke Hitze eines Vulkanausbruches. Das nahezu apokalyptische Bild besitzt beim näheren Hinsehen einen subtilen Oberflächencharakter, der durch die Überlagerung von mehreren Farbschichten partiell an erkaltete Lava erinnert. Jedoch der zartrosa Fleck zur Linken wagt den Dialog der Extrema. Ähnlich expressiv scheint die Arbeit "Goldrausch" (1989), deren wesentliche Bestandteile schwarze Farbe und mit Lack fixierter Goldstaub ist. Schäfer schüttet und wischt hier das Material in die verschiedensten Richtungen über die Leinwand und erzeugt auf diese Weise voluminöse, kaum faßbare Formen.
Die naturhafte Lyrik zweier kleinformatiger Arbeiten auf Jute stehen im Gegensatz zur Expressivität der vorher besprochenen Bilder. In "Natural Strange" (1989) baut Wolfgang Schäfer seine Farbräume in zarten, erdigen, transparenten, die Jute durchscheinenlassenden Farbtönen auf. Erregend wirkt der intensiv orange Fleck rechts unten, gleich einem Fremdkörper, der sich in poetisch erzählender Weise in entweder runden, ruhigen Linien oder mit zackig nervös geführtem Pinsel, das Bild übernetzend, nach oben verflüchtigt. Sensibel auch die Farbkomposition des Untergrundes der Arbeit "Natural Light" (1989), die durch ein kalkulatives Element in Form zweier blauer Vertikalparallelen geordnet erscheint. Schäfer setzt wiederum einen frappierenden Kontrapunkt unten rechts ins Bild: Ein unregelmäßig strahlend weißes Farbfeld, daß in fast transparenten, runden Tupfen über der ganzen Bildfläche als schwaches Licht weiter fortlebt.