Wolfgang Schäfer „Brücken der Sehnsucht – Das Callas-Portrait als Projektion“

Eine klassische Diva tritt als Erfüllungsgehilfin des post-modernen Künstlers Wolfgang Schäfer in Erscheinung.
Gemeinsam bilden sie eine besondere schöpferische Alliance.
Die Voraussetzung für dieses ungewöhnliche Zusammenwirken ist die abstrakte Komposition, welche eine
Einheit mit dem Abbild eingeht und den Betrachter zu weiterem Sehen bewegt. Das portraitierte Gesicht wird zum Entree ins Abstrakte und bildet eine Brücke in einen übergeordneten Raum.

Herzlichen Dank an die Verantwortlichen des Hauses der Musik Wien, welche es möglich machten die Ausstellung zu realisieren.

“Die Stimme der Callas sowie ihr Abbild berühren einen jeden von uns. Sie wird nicht nur für mich, Projektionsgegenstand unserer Sehnsüchte.
Für diese Sehnsucht bin ich dankbar und ihr, der Callas bin ich dankbar für ihr Dasein, für ihre Liebe, ihre Leidenschaft, ihre Interpretation und ihre Kunst,
- und dem der Sie uns gegeben hat -.”
W.S. aus der Ansprache Wien, 26.09.2007

Ingeborg Bachmann

Hommage à Maria Callas

Ich habe mich immer gewundert, daß diejenigen, die Maria Callas gehört haben, nicht darüber hinausgekommen sind, in ihr eine außerordentliche, allen Fährnissen unterworfene Stimme zu hören.
Es hat sich wohl nicht nur um eine Stimme gehandelt, oh keineswegs, in einer Zeit, in der so viele ausgezeichnete Stimmen zu hören waren.
Maria Callas ist kein “Stimmwunder”, sie ist weit davon entfernt,
oder sehr nah davon, denn sie ist die einzige Kreatur,
die je eine Opernbühne betreten hat. Ein Geschöpf, über das die Boulevardpresse zu schweigen hat, weil jedes seiner Sätze, sein Atemholen, sein Weinen, seine Freude, seine Präzision, seine Lust daran, Kunst zu machen,
eine Tragödie, die zu kennen im üblichen Sinn nicht nötig ist, evident sind. Nicht ihre Partnerschaft allein ist außerordentlich, sondern allein ihr Atemholen, ihr Aussprechen. Maria Callas hat eine Art, ein Wort auszusprechen, so,
daß jedem, der nicht jedes Gehör verloren hat, aus Abgestumpftheit oder Snobismus, immer auf der Jagd nach frischen Sensationen des lyrischen
Theaters (---) sie wird nie vergessenmachen, daß es Ich und Du gibt, daß es Schmerz gibt, sie ist groß im Haß, in der Liebe, in der Zartheit, in der Brutalität, sie ist groß in jedem Ausdruck, und wenn sie ihn verfehlt, was zweifellos nachprüfbar ist in machen Fällen, ist sie noch immer gescheitert, aber nie klein gewesen. Sie kann einen Ausdruck verfehlen, weil sie weiß, was Ausdruck überhaupt ist. Sie war zehn oder mehr Male groß, in jeder Geste, in jedem Schrei, in jeder Bewegung, sie war was (...) an die Duse denken läßt: ecco un artista.
Sie hat nicht Rollen gesungen, niemals, sondern auf der Rasierklinge gelebt, sie hat ein Rezitativ, das altbacken schien, neu gemacht, ach nicht neu, sie war so gegenwärtig, daß alle, die ihr die Rollen geschriebenhaben, von Verdi bis Bellini, von Rossini bis Cherubini, in ihr nicht nur die Erfüllung gesehen hätten, sondern weitaus mehr. Ecco un artista, sie ist die einzige Person, die rechtmäßig die Bühne in diesen Jahrzenten betreten hat, um den (Zuhörer) unten erfrieren, leiden, zittern zu machen, sie war immer ein Mensch, immer die Ärmste, die Heimgesuchteste, die Traviata.
Sie war, wenn ich an das Märchen erinnern (darf), die natürliche Nachtigall dieser Jahre, dieses Jahrhunderts, und die Tränen, die ich geweint habe - ich brauche mich ihrer nicht
zu schämen. Es werden soviel unsinnige geweint, aber die Tränen, die der Callas gegolten - sie waren so sinnlos nicht. Sie war das letzte Märchen, die letzte Wirklichkeit,
deren ein Zuhörer hofft, teilhaftig zu werden.
Sie hat immer direkt getroffen, auf den Umwegen über Libretti, über Figuren, zu denen man Liebe haben muß, um sie akzeptieren zu können.
Sie war der Hebel, der eine Welt umgedreht hat, zu dem Hörenden, man konnte plötzlich durchhören, durch Jahrhunderte, sie war das letzte Märchen.
Es ist sehr schwer oder sehr leicht, Größe zu erkennen. Die Callas - ja, wann hat sie gelebt, wann wird sie sterben? - ist groß, ist ein Mensch, ist unvertraut in einer Welt der Mediokrität
und der Perfektion.

Aus dem Nachlaß, um 1960

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