wolfgang schäfer
style 1993
Zum Glück gibt es noch die Bilder. So sieht man
wenigstens an ihnen einen fernen Abglanz von der Intensität,
Wucht, Erregung und körperlicher Präsenz, die die Aktionen
von Wolfgang Schäfer ausgezeichnet haben.
Begonnen hat es mit einem Studium für Graphik-Design
an der FH in Düsseldorf dessen klare, gestaltbestimmende
Produktlösung Wolfgang Schäfer, geb. 1955, nicht bändigen
konnten. Um sich aus dem Korsett studialer Aufgaben-
stellungen zu befreien, entdeckte er den Tanz für sich.
Es begannen die ersten körperlichen Darstellungen,
in denen der Ausdruckstanz sich mit einer gestischen
Malerei verband Er wurde Schüler des legendären
Jazztänzers Robert Solomon, mit dem er dann 1982
seine erste Jazz-Mal-Tanz-Performance in der Villa
Engelhardt in Düsseldorf aufführte. Es folgten nun Schlag
auf Schlag Aufführungen. In der Tanzfabrik Berlin 1983 führte
er mit Tadashi Endo »Farbe, Klang, Bewegung« auf Dies war
seine erste Berührung mit fernöstlichen Tanzritualen. Es folgte
die Performance mit sechs Jazzmusikern und Eleonore Herzfeld
in der Werkstatt in Düsseldorf 84 »Transformation« mit Robert
Wilhelm und »Aktion und Reaktion« wieder mit Tadashi Endo,
beide in Berlin. Dann folgten Auftritte in Kassel, München und
immer wieder Düsseldorf bis im Jahre 1986 alle Aktivitäten
in den zwei berühmten Aufführungen in Düsseldorf kulminierten.
Die eine mit Robert Solomon, mit dem er über all die Jahre
künstlerisch verbunden blieb, und Musikern der Gruppe
Hearts and Chips im »Tor 3«. Es war der Versuch, New Yorker
Verhältnisse in Düsseldorf zu etablieren, indem Disco, Kunst
und Musikszene in einem Haus vereinigt würden. Das zweite
Spektakel war das »Multi Media Concert«, gekoppelt mit einer
Malerei-Performance, ebenfalls wieder mit der Gruppe Hearts
and Chips, in dem leider heute nicht mehr existierenden
Ratinger Hof.
Hinter dieser manischen Produktionswut stand für Wolfgang
Schäfer die Idee, Wahrheit zu empfinden. Der Tanz wurde für
ihn das Medium, mittels dem alles wie in einem Punkt implodiert.
So sieht er die malerischen Relikte dieser Zeit nicht als Bilder,
denn es interessierte ihn nicht mehr, den Tanz als Erklärung für
die Malerei zu benutzen. Es rückte die Zelebration des eigenen
Selbst in den Vordergrund und Tanz und Malerei beschränkten
sich auf den eigenen Körper.
Aus dieser Zeit höchster Intensität mit pausenlosen Auftritten,
konnte sich Wolfgang Schäfer vor dem Kollabieren nur durch
eine Reise retten. Mit Achim Duchow, dem er Ende 1986 nach
Thailand gefolgt war, fuhr er über Manila nach Tokio, wo er zum
ersten Mal mit dem Ausdruckstanz Butho konfrontiert wurde.
Er lernte den Altmeister Kazuo Ohno kennen und wurde dessen
Schüler. Der 83jährige Lehrer brachte ihm die elementaren
Begriffe des Butho bei. Danach ist der Tanz Ritual der Arbeit,
die künstlich herbeigeführten Spannungsmomente sind Kon-
struktionen von Glücksdasein. Dieser Japanaufenthalt wurde
gekrönt und abgeschlossen durch eine Ausstellung
und mit einer Aufführung vor den kritischen Augen der Buthoge-
meinde. Der Erfolg trug Wolfgang Schäfer zwei weitere Ein-
ladungen für Aufenthalt und Aufführung nach Japan ein.
Zurück in Deutschland, reduzierte er seine Tanzaufführungen,
da diese Erfahrung für ihn nun eine andere Wertigkeit besaßen
wie noch vor seinem Japanaufenthalt. Seine Aufführungen
wurden nun klarer und strenger durchkomponiert. Das Verhältnis
zwischen Tanz, Malerei und Musik wurde minimalisiert.
Als Mitglied der MedienMafia verlegte er sein Engagement auf
die lnstallierung einer überregionalen Kulturszene
Im Düsseldorfer Hafen. Dort präsentierte die MedienMafia 1987
Künstler und Gruppen in einem zweiwöchigen Spektakel, welches
mit einer Performance von Wolfgang Schäfer eröffnet wurde.
Allein die Namensliste der teilnehmenden Künstler und Akteure
zeugt von dem internationalen Charackter, der damals dem Hafen
als Kulturszene zukam. Mit dem kulturellen Engagement
intensivierte Wolfgang Schäfer seine reine Malerei. Es entstanden
Bilder, deren Ursprung in dem Zufall des Fundes und zufälligen
Ergebnis von Säurezusätzen, mit denen er den Malgrund
bearbeitete. Nun kamen ihm seine langjährigen Erfahrungen
mit dem Action-painting und den Resultaten aus seinen Mal-Tanz-
Aktionen zugute. So begann die schrittweise Abnabelung von der
Tanzszene. Er beschreibt dies selbst wie eine Neugeburt:
»Die Erfahrung des Tanzes als Aktionsform wurde für mich immer
unwichtiger. Ich fühlte mich nun neu geboren. Ich wollte endlich
meine Sehnsucht benannt wissen, indem ich den Blick als das
Bannende, die Motive als die Benennung auf der Leinwand
festmachte.“ Doch so schnell ließ ihn seine Tanzleidenschaft nicht frei.
1990 veranstaltete er mit Muscha die vierwöchige Multi-Media-Show
»Die Schöne und das Biest« im Zollhof/Düsseldorf Hafen, die er mit
der Performance »La BeIle et la Bète« eröffnete. Mit dieser
Inerpretation nach dem gleichnamigen Werk von Jean Cocteau,
die er mit seiner Tanz partnerin Claudia Monville, zeigte er gleichzeitig
seine neuen Bilder. Seine letzten Tanzauftritte trugen immer häufiger
pathetische Titel wie »Renaissance der Tristesse«
(1991; Schloß Morsbroich), »Dance macabre« (1991; Klingen-
museum Solingen) und die vorläufig letzte Performance 1992 in
Chemnitz mit dem Titel »crusified self«, die eine Anspielung auf
die selbstquälerischen Portraits von Michael Morgner war.
Waren seine frühen Arbeiten dem abstrakten Expressionismus
verpflichtet, waren sie mit Seitenblick auf den Informel reine gesti-
sche Malerei, so überlagern sich nun die stark emotionalen
Malgründe mit Motiven. Diese bringt er von seinen Reisen mit,
oder er findet sie in Abbildungen. Doch müssen sie immer eine
Bedingung erfüllen, sie müssen ihn persönlich stark affizieren.
Dies sieht man etwa an dem Bild »Goldfische« (Acryl auf Nessel;
1991; 200 x 200), in dem seine Erinnerung an Japan beschworen
wird. Der Wandel zur Malerei ist vollzogen, doch ohne die Bilder
von seinen sehenswerten Aufführungen, hätten wir keine Zeugnisse
von der Intensität und der körperlichen Präsenz,
die alle seine Auftritte begleiteten. A.Triangel